Langjährige Rot 1-Schüler*innen wissen genau: Alle zwei Jahre machen wir eine Klassenfahrt. Nachdem wir 2019 auf Usedom waren, zieht es uns jetzt ins Ausland: Das perfekte Gegenmittel bei LockdownBlues und Schulschließungen!

… aber wie kommen wir von A nach B in Zeiten geschlossener Grenzen?

Regelmäßig in den Gruppenzeiten rechneten wir alle Schritte der letzten Zeit zusammen, und: Bewegungsmangel schien bei denen, die ihre Schritte verrieten, kein Problem zu sein.

Die ersten etwa 400,000 Schritte brachten uns an den Schönberger Strand in der Nähe von Kiel. Es war zwar noch etwas frisch im März, aber Campen am Strand, Radeln, Surfen, SuP und die Dampfeisenbahn fügten sich zu einem prima Programm für unsere Woche an der Ostsee zusammen. Ein besonderes Highlight war Yoga am Strand: Wegen dem starken Wind fiel zwar einer der beiden Yogis um, aber der andere konnte ihm zum Glück schnell wieder aufhelfen.

Nach der Auswertung der ersten Etappe wurde klar: Die Reise soll weiter in den Osten gehen, bis es nicht mehr weitergeht – gerne immer an der Küste entlang.

So führte uns die nächste Etappe mit 383,785 Schritten ins etwa 230 km entfernte Stralsund: Im Meeresmuseum erfuhren wir, dass ein Walfisch kein Fisch ist, im Komischen Museum konnten wir herzlich lachen, konnten die Altstadt erkunden und uns abschließend mit einem Fischbrötchen stärken, bevor wir etwa 300 km (408,384 Schritte) weiter reisten: Leba/ Polen war unser nächstes Ziel.

Die Freude über die großen Wanderdünen war groß! So feiner weißer Sand! Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein fühlten wir uns fast wie in der Südsee. Aufregend war, besonders für die 7er + 8er, der Besuch im nahen Dinosaurierpark. Das war so aufregend, dass diese beiden Jahrgänge fast verloren gingen in den Weiten der Dinosaurierskulpturen.

Nach ein paar Tagen mit Sand, Wind, Meer und in der Natureinsamkeit war die Sehnsucht nach Stadtleben groß, und so unternahmen wir einen Tagesausflug nach Danzig. Dort war’s toll!

Das Programm war vielfältig:

Es wurden Fahrradtouren Richtung Meer und auf den Spuren der Solidarnosc-Bewegung unternommen (zum Glück waren die Radler*innen mit Flickzeug gegen Platten gewappnet und immer mit Rückenwind bei freundlichem Sonnenschein unterwegs), an Gewinnspielen teilgenommen (leider ohne Gewinn), Straßenbahn gefahren (so eine alte Bahn! Aus dem Fenster gab es tolle Aussichten, auch auf eine alte Kirche (aber wie hieß die bloß???)), nachts das Museum besucht (die Bilder wurden lebendig!) und Silvester gefeiert (aber das war so wie in Berlin).

Die Weiterreise ließ leider ziemlich auf sich warten: Kaliningrad sollte das nächste Ziel sein, aber die Grenzen waren Corona-bedingt geschlossen.

In der Zwischenzeit sammelten sich durch eifrige Schritte 380 km Wegstrecke an.

Aber dann: Endlich! Am 07. Mai überquerten wir den Grenzübergang Mamonovo/ Gronow Richtung Kaliningrad, das 168 km nordöstlich von Danzig liegt. Dank negativer Testergebnisse, gültiger Reisepässe, e-Visum, Migrationskarten, Versicherungsnachweis und einer offiziellen Bescheinigung über die große Wichtigkeit unserer Reise ging das prima.

Kaliningrad? Oder Königsberg? Eine Stadtführung mit einem anschließenden Quiz brachten Klarheit. Wir sind jetzt alle sehr viel schlauer, besonders Samer, der den goldenen Königsberger Klopps am Bande gewonnen hat. Herzlichen Glückwunsch!

So. Alles entdeckt, erfahren und probiert. Einige hatten nach einer Woche genügend Königsberger Kloppse und Königsberger Marzipan für den Rest ihres Lebens schnabuliert.

Die Reise geht weiter, hoffen wir: ca. 260 km haben wir erlaufen und noch nicht ‚verreist‘. Die nächste Etappe war Klaipeda, 140 km von Kaliningrad entfernt. Leider war Litauen bis zum 31.05. im nationalen Lockdown, darum wussten wir lange nicht, wie das wird. Wir hofften auf das Beste!

… Und das Beste geschah: Angetan von den eifrigen Geher*innen öffneten mildtätige Grenzbeamt*innen die Grenzen, und so kamen wir nach Klaipeda in Litauen. Nach dem Kaliningrader Bildungsprogramm zog es einige wie immer sofort mit dem Fahrrad an den Meeresstrand. Doch auch der verwunschene Botanische Garten, der ehemalige Bahnhof und Street Art stießen auf Gegenliebe. Abends beim Essen (die Restaurants boten Corona-bedingt köstliches Essen zum Mitnehmen an) bewunderten wir Fotos, gepflückte Blumen, ungewöhnliche Muscheln und den Sand, der in den Schuhen der Strandausflügler mit in unsere Unterkunft gekommen waren.

Nach einer Woche in Klaipeda haben wir alle alten Gebäude, bunten Graffitis, Gärten und Strände entdeckt und die Reise sollte weiter gehen.

Die große Frage war jedoch: Wohin? Weiter ‚immer gen Osten bis wir auch Asien umrundet haben‘ – oder doch lieber quer durch Europa Richtung Mittelmeer? Die Klasse war unentschieden.

Und so trennten sich unsere Wege zum Ende des Schuljahres und Start der Sommerferien nach beinahe vier Monaten des virtuellen Reisens: Ein Teil folgte dem ursprünglichen Plan ‚immer gen Osten‘ und steuerte erst Riga, dann Tallinn und schließlich St. Petersburg an – der andere Teil brach auf in Richtung Warschau, wo alt-aussehende Gebäude, Theater, Jazz-Konzerte und Straßenkunst auch die Lehrerin anlocken sollten. Die vielen Schritte, die Rot 1 Schüler*innen von Mitte Mai bis Anfang Juni liefen, bringen die beiden Gruppen hoffentlich ohne größere Anstrengung sicher an ihre unterschiedlichen Ziele: Sei es einmal quer durch Europa über die Alpen zum Mittelmeer, oder weiter entlang der Ostsee durch Städte, Dünen, unentdeckte Buchten und über viele Grenzen.

Für diese Reise kamen insgesamt etwa drei Millionen Schritte zusammen. Sie brachten uns an bekannte und unbekannte Orte in Europa. Wir erlebten, wie der Frühling sich in den Sommer verwandelte, hörten unbekannte Sprachen, wurden begleitet von Bernsteinfunden, ließen uns nicht von der Begeisterung für Meer, Wind und Sand abbringen, erfuhren, welche Spuren die Vergangenheit in Häusern, Städtenamen und Grenzverläufen hinterließ und sind sehnsüchtig danach, diese Route einmal ganz analog zu bereisen.

Text und Bilder: Almuth Heck + Rot 1