Ein Schnitt durch die Mitte

Rückblick auf einen ereignisreichen Architekturspaziergang durch das Zentrum Berlins mit Schüler*innen des LK und GK Kunst

Kurz vor Ferienbeginn erwartete die Schüler*innen aus dem Leistungs- und Grundkurs Kunst noch ein unerwartetes Highlight: Auf dem Programm stand ein kompakter Stadtspaziergang mit fachkundigem Guide mitten durch das Zentrum Berlins.

„Gefallen an unserem heutigen Ausflug hat mir vor allem, dass ich so viel über die Geschichte der Gebäude erfahren durfte und auch darüber, was aktuell geplant wird.“

„Mir haben heute auf dem Ausflug besonders die aktuellen Projekte gefallen, weil mir diese davor nicht bekannt waren.“

Unter dem Motto „Ein Schnitt durch die Mitte“ streiften wir zwischen Alex, Nikolaiviertel und Museumsinsel durch Straßen, Gassen, weite Plätze und flanierten am Spreekanal entlang.  Bei einem regelrechten Crash-Kurs zu Berlins Baukultur taten sich an den unterschiedlichsten Orten immer wieder extreme Kontraste auf:
Einblicke und Durchblicke in die Berliner Baugeschichte direkt unter unseren Füßen ergaben sich im Eingangsfoyer des schicken Hotels Capri, in dem man als Besucher*in direkt durch den gläsernen Boden hinunter auf die bei Ausgrabungen freigelegten Fundamente der Stadt im Mittelalter schaut. 
Völlig andere Dimensionen architektonischer Gestaltung eröffnet der leicht futuristisch angehauchte neue U-Bahnhof am Roten Rathaus der Linie 5!

Ganz aktuell und vor allem zukunftsweisend ist auch das „House of One“, vor dessen Baustelle wir kurz Halt machten. Vorerst wartet das architektonisch herausfordernde Gebäude noch auf seine Vollendung. Künftig wird es als erstes und einziges Bauwerk weltweit mit einer Kirche, einer Synagoge und einer Moschee die drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam unter einem Dach vereinen!

Sehr spannend zu sehen war auch das Stadtentwicklungsprojekt „Flussbad an der Spree“! Die Idee: Zwischen Fischerinsel und Bode-Museum wird man hier – wenn alles nach Plan läuft –im zuvor gründlich gereinigten Wasser des Spreekanals baden können. Noch ist das Projekt aufgrund der unmittelbaren Nähe zur Museumsinsel als Teil des UNESCO Kulturerbes heiß umstritten: Zu unterschiedlich sind die Interessen der Erholungssuchenden, die in dem Flussbad eine Aufwertung des Stadtraums sehen, und die Interessen der Verfechter*innen des preußischen Kulturerbes, die sich Badende in musealer Kulisse nur ungern vorstellen wollen.

Auf Kontraste aller Art stießen wir bei unserem interessanten Stadtspaziergang tatsächlich auf Schritt und Tritt: Das beschauliche Nikolaiviertel, das mit seinen gepflasterten engen Straßen und seinem fast dörflichen Charakter den Lärm der Großstadt für einen Moment lang vergessen lässt, liegt nur einen Steinwurf vom Getümmel rund um den Alex entfernt.

„Ich fand die Tour sehr gut, weil ich die Stadt aus architektonischer Sicht kennen lernen konnte. Auch wie sich alles geändert hat, ist mir erst an dem Tag aufgefallen. Ich betrachte die Stadt jetzt mit anderen Augen.“

Wie das erst kürzlich eingeweihte Humboldtforum, das äußerlich als Kopie des Berliner Schlosses entstand, ist auch das Nikolaiviertel nur eine Rekonstruktion des zerstörten ältesten Stadtkerns Berlins. Den Blick zu schärfen dafür, was historisch ist, oder was nur eine Kopie, für Zitate von Baustilen in späterer Zeit (Rotes Rathaus) bis hin zu ihrer Umwandlung in eine moderne, zeitgemäße Architektursprache (James-Simon-Galerie), war auf unserer Tour ebenfalls ein echter Lerngewinn.

Der rote Faden durch alle Stationen unseres Rundgangs durch Berlins Mitte war die Frage, wann und warum wir uns an einem baulich gestalteten Ort wohlfühlen oder eben nicht.  Zur Sprache kamen auch weitere spannende Aspekte wie die Rolle des menschlichen Maßstabs für Architektur und Stadtentwicklung, die Bedeutung von Proportionen und Distanzen im Stadtraum, der Umgang mit Geschichte. Ein Paradebeispiel für den letzten wurde uns durch unseren Guide am Beispiel des Palastes der Republik vor Augen geführt: Hatte doch die einstige Machtzentrale der DDR längst dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses und damit einem Machtsymbol ganz anderer Couleur weichen müssen…

Selbst für diejenigen, die sich mit Berliner Baukultur schon vor der interessanten Führung etwas besser auskannten, war es eine schöne Nachricht, dass es Berlin ohne Spandau womöglich nie gegeben hätte! Was wohl wirklich nur wenige wissen: Berlin entstand vor ca. 800 Jahre praktisch als „Rastplatz“ der durchziehenden Kaufleute und Händler auf halber Strecke zwischen den eigenständigen Städten Spandau und Cölln!

Der Crash-Kurs Baukultur durch Berlins Mitte, finanziert von der Bundestiftung Baukultur und fachlich gestaltet durch die kompetenten Guides von Ticket-B, mit Startpunkt an der gotischen Marienkirche, der ältesten Kirche Berlins, und  krönendem Abschluss an der vor wenigen Jahren fertiggestellten James-Simon-Galerie als „Einfalltor“ zur Museumsinsel, hat uns die Berliner Bauentwicklung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vielseitig und lebendig nahegebracht, wobei gerade der Einblick in geplante Projekte besonders spannend war!

Text: A. Andreae, Fotos: A. Andreae